Wie die Helsinki Deklaration, welche die ethische Landschaft der klinischen Humanforschung grundlegend verändert hat, hat sich die Basler Deklaration zum Ziel gesetzt, dass in der biomedizinischen Forschung ethische Prinzipien, wie das der 3R, überall umgesetzt werden, wo Tiere zu Forschungszwecken eingesetzt werden. Die Unterzeichner der Basler Deklaration verpflichten sich zudem, alles zu unternehmen, um das Vertrauen in die tierexperimentelle biomedizinische Forschung zu stärken sowie transparent und offen über das sensible Thema der Tierversuche zu informieren. Am 5. Oktober 2011 wurde die «Basel Declaration Society» gegründet. Ihre wichtigste Aufgabe ist es, die Akzeptanz der Basler Deklaration innerhalb und ausserhalb der Forschergemeinde zu fördern. Siehe Fotogalerie...

 

Forschungskommunikation

Einleitung

Für Wissenschaftler und Forscher werden Handlungsspielräume zunehmend kleiner - insbesondere, wenn Tiere in der Forschung eingesetzt werden. Zweck- und Rechtmäßigkeit von Tierversuchen werden immer wieder zum Gegenstand öffentlich geführter Diskussionen. Dies ist umso erstaunlicher, als medizinischer Fortschritt der Gesellschaft direkt zugute kommt. Diese Verbindung ist in den Köpfen der meisten Menschen aber nicht präsent.

Es besteht eine erhebliche Diskrepanz zwischen dem, was die Forschung für unsere Gesellschaft leistet, und ihrem Stellenwert in der Öffentlichkeit. Dies ist umso erstaunlicher, da die Öffentlichkeitsarbeit der Wissenschaften in den vergangenen Jahren spürbar zugenommen hat. So gewähren Wissenschaftsnächte und -kaffees, Tage der Genforschung, Märkte und Ausstellungen, Seniorenuniversitäten und Schülerlabors der Öffentlichkeit regelmäßig Einblicke in die Welt der biomedizinischen Forschung.Was also kann noch verbessert werden?

Kommunikation verbereiten

Wissenschaftler kommunizieren intensiv: die Ziele ihrer Arbeit, die Erfolge ihrer Arbeit und deren wissenschaftlichen Nutzen. Kritische Themen hingegen werden oftmals ausgeblendet. Hierzu gehören die Diskussionen zu tierexperimentellen Fragen in der Öffentlichkeit, Risiken von Forschungsansätzen, aber auch der mögliche Missbrauch neu entwickelter Technologien. Zudem ist es wichtig, neben Ergebnissen und wissenschaftlichen Kontroversen auch Abläufe und Genehmigungsverfahren des Wissenschaftsprozesses zu kommunizieren und damit ein vertieftes Verständnis über Forschung zu erreichen.

Professionalisierung steigern

Forschende sind beim Kommunizieren meist alleine auf ihr Talent angewiesen. Das reicht heute nicht mehr aus. Eine (sanfte) Professionalisierung der Wissenschaftskommunikation ist daher notwendig. Aus- und Fortbildungen in Wissenschaftskommunikation sollten zum Grundstock jeder wissenschaftlichen Ausbildung gehören. Der Umgang mit den Medien will gelernt sein und der Auftritt in Radio und Fernsehen sollte immer wieder geübt werden. Dazu gehört auch, lokale Besonderheiten im Umgang mit den Medien (Visionierungsrecht, Autorisierung) zu kennen. Anerkennung für Kommunikationsengagement verbessern Kommunikation kostet Zeit und geht im Allgemeinen zu Lasten von Forschung und Lehre. Im Gegensatz zu den in den Medien aktiven Repräsentanten der Tierversuchskritiker, die für ihre Arbeit angestellt und bezahlt werden, leisten Wissenschaftler diese Arbeit zusätzlich. Die Hochschulforschenden sind auf das Lobbying gegenüber Politik und Behörden angewiesen.

Reputation aber erwirbt sich ein Wissenschaftler durch hervorragende Forschungs-ergebnisse, nicht durch einen Einsatz für Öffentlichkeitsarbeit. Dass ein solcher zuwenig honoriert wird, ist ein Systemfehler, der dem Sektor selbst schadet. Wer sich Zeit nimmt, um Wissenschaftskommunikation zu betreiben, sollte im Wettlauf um die entscheidenden Daten keinen Nachteil haben. Im Gegenteil: Ein solcher Einsatz sollte von den Hochschulverantwortlichen unterstützt werden, da er dazu beiträgt, der Forschung in Bezug auf gesellschaftliche und rechtliche Rahmendbedingungen den Rücken zu stärken. Ihm gebührt also mehr Beachtung.

Proaktiven Kommunikationsansatz verstärken

In der Wissenschaft zählt Kommunikation oft nicht zu den To Dos mit oberster Priorität. Fälschlicherweise wird darauf vertraut, dass die Öffentlichkeit den Mehrwert von Forschung selbst erkennt, da sie in Form von neuen Medikamenten und einer höheren Lebensqualität direkt von ihr profitiert.

Dies ist aber nicht der Fall. Der Zusammenhang zwischen Grundlagenforschung und dem Impfstoff, mit dem der Einzelne immunisiert wird, ist nicht im öffentlichen Bewusstsein verankert. Damit sind die zentralen Botschaften der Grundlagenforschung nicht kommuniziert. Die Folge: mangelndes Vertrauen, fehlende Akzeptanz, zu wenig Unterstützung – von der Politik, der Wirtschaft und der Gesellschaft.

Wann ist Kommunikation erfolgreich?

  • These 1: Der Kommunikation mit Politik und Gesellschaft muss mehr Bedeutung beigemessen werden Noch sind sich nicht alle Wissenschaftler der grossen Bedeutung bewusst, welche der Kommunikation mit Politik und Gesellschaft zukommt. Ihr Ziel muss es sein, die öffentliche Diskussion über Forschung mitzugestalten.
  • These 2: Erfolgreiche Kommunikation erfolgt auf Augenhöhe und ist keine Einbahnstrasse Voraussetzung hierfür ist die Bereitschaft auf Seiten der Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen sich dem öffentlichen kritischen Diskurs zu stellen, auf mögliche Ängste in der Bevölkerung einzugehen und Kritik ernst zu nehmen.
  • These 3: Transparente Kommunikation fördert das Vertrauen Öffentliche Anspruchsgruppen müssen transparent und proaktiv informiert werden – auch über kritische Fragestellungen.
  • These 4: Tue Gutes und sprich darüber Das Bekenntnis zum 3R-Konzept muss gelebt, aber auch kommuniziert werden.
  • These 5: Je einfacher die Sprache, desto besser die Wirkung / Die Relevanz von Tierversuchen ist durch einfache und klar verständliche Beispiele zu erläutern.
  • These 6: Dank vernetzter Kommunikationsstrukturen lassen sich Synergien nutzen Je professioneller gearbeitet wird, desto geringer ist die Belastung für jeden Einzelnen.

Unser Beitrag an eine bessere Wissenschaftskommunikation

Aufgrund der beschriebenen Problemlage und der hieraus abgeleiteten Thesen gehen wir Wissenschaftler folgende Verpflichtungen ein:

  1. Wir kommunizieren offen und transparent – auch bezüglich Tierversuchen. Wir sprechen proaktiv die Problematik an und deklarieren offen, dass Tierversuche einen Anteil unserer Forschung ausmachen. Dabei erläutern wir die vorgenommene Güterabwägung, sodass öffentliche Anspruchsgsruppen verstehen, weshalb ein bestimmter Tierversuch selbst potenzielles Leiden von Tieren rechtfertigt.
  2. Wir ermöglichen Journalisten Zugang zu unseren Laboren.
  3. Wir laden Meinungsbildner, Medienschaffende und Lehrer ein, über das Problemfeld Grundlagenforschung in einen Dialog mit den Forschenden zu treten.
  4. Wir bemühen uns um eine allgemein verständliche Sprache. Dazu kann auch professionelle Schulung notwendig sein. Die Grundregeln müssen erlernt und beachtet werden.
  5. Wir erklären uns solidarisch mit allen Forscherinnen und Forschern, die auf Tierversuche angewiesen sind. Ungerechtfertigte Vorwürfe an einzelne werden wir gemeinsam zurückweisen. Vandalismus, Drohungen und andere kriminelle Handlungen werden wir solidarisch und öffentlich verurteilen.

Der Beitrag, den wir von Politik, Hochschulen und Öffentlichkeit erwarten

  1. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen bieten Lehr- und Weiterbildungsangebote für Wissenschaftskommunikation an. Sie stellen dafür die nötige professionelle technische und personelle Infrastruktur bereit. Die Fähigkeit, Forschung in der Öffentlichkeit angemessen zu präsentieren, soll Bestandteil von Aus- und Weiterbildung von Studierenden und Forschenden werden. Ideal wäre die Vermittlung eines Bewusstseins für die gesellschaftliche Bedeutung von Forschung bereits im Schulalter.
  2. Forschende, die sich an der öffentlichen Diskussion über Wissenschaft und Forschung beteiligen, dafür Zeit und Geld aufwenden, sollen in einer geeigneten Form für ihr Engagement belohnt werden. Ein angemessenes Anreizsystem wie z.B. Auszeichnungen für Wissenschaftskommunikation ist von den Hochschulen in Zusammenarbeit mit den wissenschaftsfördernden Einrichtungen des Bundes zu entwickeln. Wer sich engagiert, sollte dafür nicht seinen wissenschaftlichen Ruf aufs Spiel setzen müssen. Im Gegenteil: Dieses Engagement sollte zu einem zusätzlichen Merkmal wissenschaftlicher Reputation werden.
  3. Wie alle Interessengruppen sollten auch die Universitäten und Forschungsinstitute professionelle Spezialisten anstellen, welche in der Lage sind, die Komplexität und Bedeutung von Tierversuchen klar und allgemein verständlich zu kommunizieren. Diese Kommunikationsspezialisten sollten auch die Politiker lokal, national und international auf die Belange und das Potenzial der biomedizinischen Forschung aufmerksam machen.

Weitere unterstützende Massnahmen

  • Massnahme 1: Institutionalisierung der Basler Konferenz im Jahresturnus; weitere Instrumente zur internen Vernetzung und gegenseitigem Austausch (z.B. Newslettter)
  • Massnahme 2: Einrichtung einer zentralen Kommunikationsstelle in Deutschland – analog zu «Forschung für Leben» in der Schweiz
  • Massnahme 3: Ausloten eines Preises für besonderes Engagement in Sachen Wissenschaftskommunikation
  • Massnahme 4: Entwicklung eigener Kommunikationsplattformen und – kanäle, um Inhalte professionell und wirkungsvoll kommunizieren zu können.


 

Basel, 30th November 2010

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